Das internationale Theaterfestival „Ein Winternachtsraum“ des Tallinner Stadttheaters
Das Tallinner Stadttheater veranstaltet seit dem Jahr 2000 alle zwei Jahre das internationale Theaterfestival „Ein Winternachtstraum“, das traditionell an den fünf letzten Tagen des Weihnachtsmonats stattfindet. Es ist kein Shakespeare-Festival, wie man aufgrund des Namens vermuten könnte, sondern die Paraphrase weist auf die magische Zeit zwischen Weihnachten und dem neuen Jahr hin, wenn alles möglich ist.
Die Idee des Festivals stammt aus der Zeit, als das Stadttheater in seinen neu renovierten Gebäudeteil umzog. Ganz unerwartet hatte das Theater anstelle der früheren engen Bedingungen nun einen Saal mit 100 Plätzen in einem großen Komplex, wo man mehrere Schauspiele zur gleichen Zeit aufführen konnte. Die Führungskräfte des Theaters entschieden, dass es eine Sünde wäre, dieses einzigartige Theaterhaus mit den umliegenden mittelalterlichen Gebäuden der Welt vorzuenthalten. Auf der anderen Seite war es klar, dass das Stadttheater mit seinen kammerlichen Räumen und der intimen Atmosphäre nicht für Massenveranstaltungen geeignet, sondern eher ein Ort für einen engeren Verkehr und den Austausch von Erfahrungen ist.
So ist man auf die Idee gekommen, am Ende des Jahres fünf bis sechs gute Theatertruppen zusammen zu bringen – ja, gerade „zusammen“, denn im Gegensatz zu vielen großen Festivals, wo man hinfährt, seine Inszenierung vorführt und sofort wieder zurück nach Hause fährt, legt „Ein Winternachtstraum“ Wert darauf, dass die Gasttruppen sich gleichzeitig am Ort des Festival aufhalten, und dass sich alle die Vorführungen der Kollegen und Kolleginnen ansehen, und somit voneinander lernen können. Auch hatte das Publikum die Möglichkeit, Theaterleute aus verschiedenen Ländern ganz nah zu sehen, sei es während der Diskussionen, Vorführungen oder in Workshops.
Bisher hatte das Festival jedes Jahr einen neuen künstlerischen Leiter und deshalb war die Auswahl der Schauspiele bisher von Jahr zu Jahr sehr unterschiedlich. Die Skala der Schauspiele reicht vom brillanten psychologischen Realismus von Kama Ginkas zum mitreißenden afrikanischen Tanztheater, von deutscher Avantgarde des Frank Castorf bis zur ernsten finnischen Alltagstragödie von Reko Lundán. Erwähnt werden muss auch das stumme Schauspiel von Szenographiestudenten von Dmitri Krymov, wo die Grenzen des Theaters wieder mal in eine unerwartete Richtung verschoben wurden. Im Rahmen des Festivals hatte das estnische Publikum dieses Jahr erstmals die Möglichkeit mit dem Theater von Peter Brook ("Grossinquisitor" mit Bruce Myers) Bekanntschaft zu machen so wie auch mit dem Talent von Martin Wuttke. Jedes Festival hat die örtliche Theaterpalette angereichert und Schauspiele angeboten, die ohne das Festival „Der Winternachtstraum“ kaum vor estnisches Publikum gekommen wären. Mit größerem und kleinerem Erfolg hat man versucht, Schauspiele auszuwählen, die sich von den universellen „Festivalstücken“, die in Europa herumfahren, ein bisschen unterscheiden und etwas klar fassbares aus ihrem Heimatland mitbringen.
Immer wichtiger sind auch die Workshops geworden. Das Festival ist stolz darauf, dass wir unserem Publikum Treffen mit Top-Regisseuren wie Anatoli Vassiljev, Kama Ginkas, Adolf Schapiro, Frank Castorf, Patravadi Medjuhon, Issei Ogata, Dmitri Krymov und vielen anderen anbieten konnten.
Festivalprogramm 2010
Dmitri Krymovs Retrospektive:
- "Sir Vantes. Donki Hot“
- „Auktion“
- „Tod einer Giraffe“
- „Katharinas Träume“
- „Opus Nr. 7“
Festivalprogramm 2008
- Fedor Dostojevski / Marie-Hélène Estienne „Der Grossinquisitor“, Regisseur Peter Brook, mit Bruce Myers und Joachim Zuber, le Théâtre des Bouffes du Nord
- Tom Peuckert „Artaud erinnert sich Adolf Hitler und das Romanisches Café“, Regisseur Paul Plamper, mit Martin Wuttke, Berliner Ensemble
- Tatjana Tolstaja „Sonja“, Regisseur Alvis Hermanis, mit Gundars Abolins und Jevgenis Isajevs, Neues Theater Riga
- Lot Vekemans „Schwester von“, Regisseur Allan Zipson, mit Elsie de Brauw, NT Gent
- Jan Jönsson „Stunden der Wahrheit“, mit Jan Jönsson
Künstlerischer Leiter: Laur Kaunissaare
Festivalprogramm 2006
„Katalog des Stadtlebens”, Regisseur Yuzo Morita, aufgeführt von Issei Ogata (Japan)
„Sir Vantes. Donki Hot”, Regisseur Dmitri Krymov, Theater „Schule für Dramakunst“, Dmitri Krymovs Kreatives Labor (Russland)
„Somu”, Regisseur Richard Danquah, Tanzensemble Kusum Gboo (Ghana)
Jón Atli Jónasson „100-jähriges Haus”, Regisseur Haflidi Arngrimmson, Frú Emilía Teater (Island)
Neillidh Mulligan und Vincent Woods (Irland)
„Schneider”, Regisseur Mart Koldits, Tallinner Stadttheater (Estland)
Außerdem: Treffen mit Issei Ogata und Yuzo Morita, Workshop für Bewegung und Trommeln von Kusum Gboo, Dmitri Krymovs Seminar, Treffen mit Jón Atli Jónasson, ebenfalls abendliches Musizieren im Festivalclub und die Gemeinschaftsaufführung des Kurzschauspiels von Jaan Tätte durch alle Gasttruppen am Silvesterabend.
Künstlerischer Leiter: Jaanus Rohumaa
Festivalprogramm 2004
"Der Sklave" Theater Gesher (Israel)
"S.V.", Theater Yanka Kupala (Belarus)
"Girlpower" Theater Backa (Schweden)
"Unnötige Leute" Theater KOM (Finnland)
"Väter und Söhne" Tallinner Stadttheater (Estland)
"Vincent" Tallinner Stadttheater (Estland)
Künstlerischer Leiter: Jaan J. Leppik
Festivalprogramm 2002
"Endstation Amerika", Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz aus Berlin (Deutschland)
"Eine Erfahrung: die Möwe", Theater der Nationen aus Moskau (Russland)
"Tyst musik", Riksteatern aus Stockholm (Schweden)
"Agamemnon und die Tochter des Tyndareus", Theater "Actoriones" aus Athen (Griechenland)
"All About Basic", Patravadi Theater aus Bangkok (Thailand)
"Viel Glück zum Alltag!", Tallinner Stadttheater (Estland)
Künstlerischer Leiter: Andres Laasik
Festivalprogramm 2000
"Fin de partie", Wilam Horzyca-Theater aus Torun (Polen)
"Trümmergirls", Theater "Brett" aus Wien (Österreich)
"K.I. aus Verbrechen und Strafe", Moskauer Jugendtheater (Russland)
"Gargantua und Pantagruel", Jugend-Kammertheater aus Kaunas (Litauen)
"Der älter Sohn", Lettisches Nationaltheater aus Riga (Lettland)
"Das Fräulein Pollinger", Theater "tri-bühne" aus Stuttgart (Deutschland)
"La Cenerentola", Ungarische Nationaloper aus Budapest (Ungarn)
"Hamlet", Tallinner Stadttheater (Estland).
Contact information
"Midwinter Night's Dream"
Tallinn City Theatre
Lai 23, 10133, Tallinn
ph. 372 6650 805
fax 372 6650 802
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